Auf die innere Stimme hören

Dieser Artikel beschreibt, wie man beim Lernen auf die innere Stimme hören kann und warum es viel effizienter und zufriedenstellender ist, dann und so zu lernen, wann und wie es passt.

Wasserfall

Ist es nötig, sich zum Lernen zu zwingen?

Es gibt die weit verbreitete Meinung, dass es wichtig sei, sich mit aller Willenskraft zum Lernen zu zwingen, auch in Momenten, in denen sich das absolut falsch anfühlt.

Ich teile diese Meinung nicht. Meine Erfahrung ist, dass Kinder, Jugendliche und Erwachsene viel besser, effizienter und erfolgreicher lernen, wenn sie dann und auf die Weise lernen, wie es sich für sie richtig anfühlt.

Will die innere Stimme immer nur Spaß haben?

Ich gehe davon aus, dass viele Menschen eine Art innere Stimme haben und dass es sich wirklich lohnt, darauf zu hören.

Es gibt die weit verbreitete Meinung, dass man nicht zu viel auf die eigene Stimme hören dürfe, weil sie einem ja angeblich nie sagen würde, dass man zum Arzt gehen solle oder irgendetwas machen, was unangenehm sei.

Verwechslung der inneren Stimme mit „Leben nach dem Lustprinzip“

Menschen, die das glauben, unterliegen dabei aber oft einer gängigen Verwechslung: sie verwechseln die innere Stimme mit „Leben rein nach dem Lustprinzip“ oder mit „nur das tun, was einem total viel Spaß macht“ oder „nur das tun, was keine Angst macht“ und das ist überhaupt nicht das gleiche wie die innere Stimme.

Aquapark

Wenn es sich richtig anfühlt, etwas zu tun, heißt das nämlich noch nicht, dass einem diese Tätigkeit an sich wahnsinnig viel oder auch nur ein bisschen Spaß macht.

Auch Unangenehmes oder Schwieriges kann sich für die innere Stimme richtig anfühlen

Meine innere Stimme kann mir zum Beispiel auch sagen, dass es jetzt passt, das WC zu putzen. WC putzen macht mir überhaupt gar keinen Spaß und es gibt nichts, das ich daran toll finde (außer vielleicht das Ergebnis) – aber es gibt Momente, in denen passt es, diese Arbeit zu erledigen und dann mache ich das.

Toilette

Genauso ist es auch beim Lernen. Wenn in einem bestimmten Moment meine innere Stimme einen riesigen Widerwillen dagegen hat und klar „nein“ sagt, dann bringt es nichts, mich zu zwingen.

Die innere Stimme zu ignorieren bedeutet mangelnde Wertschätzung für sich selbst

Denn wenn ich gegen meine innere Stimme gehe, wenn keine Energie dafür da ist, dann wird meistens nichts Produktives dabei herauskommen und am Ende habe ich viel Zeit mit nicht effektivem Lernen vergeudet und bin frustriert.

Gleichzeitig habe ich mir selbst dann die fatale Botschaft vermittelt, dass ich es mir selbst nicht wert bin, gut auf mich zu achten.

Was ist mit der inneren Stimme also genau gemeint?

Es ist also sinnvoll, auf die eigene innere Stimme zu hören, aber was ist nun genau damit gemeint?

Wenn ich über meine innere Stimme spreche, dann meine ich eine Instanz in mir, die mir sagt, dass es jetzt für mich okay ist, etwas zu tun und dass Energie dafür da ist.

Das kann man sich zum Beispiel vorstellen wie einen inneren Motor, der auf etwas anspringt, sodass dann Energie dafür da ist, diese Sache zu tun. Gleichzeitig ist es für viele Menschen unglaublich schwierig, mühsam und frustrierend, etwas zu tun, worauf der Motor nicht anspringt.

Wildwasser

Es kann aber auch eine Instanz in mir sein, die mir sagt, dass es jetzt für mich gesund ist und mir gut tun würde, dieses oder jenes zu  tun. Oder etwas in mir, das mir sagt, dass es für mich einfach richtig ist, das zu tun.

Nicht bei jedem äußert sich die innere Stimme auf die gleiche Art und Weise – umso spannender ist es, durch Selbstbeobachtung und Experimentieren die eigene innere Stimme immer besser kennen zu lernen.

Wie kann ich meine eigene innere Stimme entdecken?

Wenn man es noch nicht gewohnt ist, auf die eigene innere Stimme zu hören, dann braucht es ein bisschen Übung, erkennen zu lernen, was sie sagt. Aber man wird dafür mit besseren Ergebnissen, weniger Lernaufwand fürs Lernen und mehr Zufriedenheit belohnt.

Innere Ruhe

Üben kann man das, indem man sich immer wieder Fragen dazu stellt und dann geduldig und aufmerksam in sich hinein spürt. Zum Beispiel kann man sich zum Thema Lernen Folgendes fragen:

  • Passt es für mich jetzt überhaupt zu lernen? Habe ich die Energie dazu?
  • Wenn ich mehrere Lernfächer zur Auswahl habe, womit passt es für mich zu beginnen? Mit dem Englischaufsatz? Mit der Biologieübung? Mit den Mathebeispielen?
  • Passt es für mich jetzt, einen Aufsatz zu schreiben? Oder passt es besser, etwas zu rechnen? Oder einfach mal meine Gedanken zu sammeln?
  • Spürt sich dieser Ort, an dem ich gerade lerne, richtig für mich an?
  • Wenn nein, sollte ich lieber einen Ortswechsel vornehmen? Statt am Schreibtisch auf dem Sofa lernen? Oder draußen im Grünen?
  • Passt es für mich gerade gut, alleine zu lernen?
  • Oder würde es besser passen, mich von jemandem abfragen zu lassen? Jemandem vom Gelernten zu erzählen? Gemeinsam zu lernen?
  • Brauche ich jetzt eine Pause?

Rechtzeitig mit dem Lernen zu beginnen schenkt dir wichtige Spielräume

Damit man aber noch Wahlmöglichkeiten hat, ist es notwendig, nicht erst auf die letzte Minute mit dem Lernen zu beginnen, sondern rechtzeitig. Wann ist rechtzeitig?

  • Dann, wenn es noch möglich ist, das Lernen ein bisschen aufzuschieben, wenn man gerade absolut keine Energie dafür hat.
  • Dann, wenn man sich noch die Wahl zwischen verschiedenen Fächern lassen kann.
  • Dann, wenn man noch genug Zeit hat, um den richtigen Lernort, die richtige Lernmethode zu finden – und sich vielleicht sogar mit jemand anderem zum Lernen zu verabreden, wenn man zu den Menschen gehört, die mit anderen leichter lernen als alleine.

Stundenplan

Das Pendel schlägt erst mal in die andere Richtung aus

Manche werden vielleicht meinen, dass dieser Ansatz dazu führt, unliebsame Tätigkeiten bis zum Sankt Nimmerleinstag aufzuschieben – aber meine Erfahrung ist eine andere.

Balance

Am Anfang, wenn man erst einmal beginnt, sich nicht mehr zum Lernen zu zwingen, kann es für eine Zeit lang dazu kommen, dass man kaum lernen möchte.

Man kann sich das vorstellen wie ein Pendel, das mit aller Kraft auf einer Seite festgehalten wurde. Natürlich schlägt dieses Pendel erst einmal ins Gegenteil aus, wenn man es dann loslässt. Aber irgendwann pendelt es sich in der Mitte ein.

Die eigene Motivation auch für schwierige Aufgaben entdecken

Wenn das eigene Gehirn erfahren hat, dass es nicht mehr ständig zum Lernen gezwungen wird, dann bringt es immer mehr Motivation dafür auf, auch für schwierige Fächer.

Bergsteigen

Wichtig ist dabei, zu üben, auf die zarte, leise innere Stimme zu hören, die einem manchmal sagt, dass es jetzt passt, auch etwas Unliebsames, Schwieriges oder Angstbesetztes anzugehen – und sich gleichzeitig die Freiheit zu geben, wieder damit aufzuhören, wenn es tatsächlich nicht mehr passen sollte.

Es ist viel leichter, mit etwas Schwierigem zu beginnen, wenn man weiß, dass man darin nicht gefangen sein wird, sondern sich selbst zugesteht, gut auf sich zu achten, Pausen zu machen und das zu machen, was sich für die eigene innere Stimme richtig anfühlt.

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