(Hoch)begabte Schulabbrecher – wie kann man das verhindern?

Dieser Artikel ist der erste einer neuen Serie über kognitive Hochbegabung bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

Ich gehe davon aus, dass jeder Mensch über individuelle und wichtige Begabungen verfügt. Dennoch gibt es aber Menschen, denen logisch-analytisches Denken leichter fällt (genauso wie es Menschen gibt, die besonders sportlich oder besonders musikalisch sind) und um die soll es in dieser Artikelserie nun ganz speziell gehen.

Hochbegabung 2

Kommen kognitiv hochbegabte Jugendliche immer mit Leichtigkeit durch die Schule?

Es gibt das verbreitete Vorurteil, dass die Schule für hochbegabte Jugendliche doch sowieso kein Problem sein könne – genauso wie die entgegengesetzte Annahme, dass alle Hochbegabten sowieso Schulversager seien. Weder das eine noch das andere ist pauschal richtig.

Vögel

In der Arbeit mit gut begabten und hochbegabten Jugendlichen habe ich aber oft beobachtet, dass viele von ihnen speziell in der Pubertät Schulprobleme bekommen, was bei manchen dann sogar zum Schulabbruch führt.

Die Schwierigkeit, erst spät lernen lernen zu müssen

Kognitiv gut begabte und hochbegabte Jugendliche kommen oft erst irgendwann in der Pubertät oder manchmal sogar erst im jungen Erwachsenenalter an einen Punkt, an dem sie auf einmal beginnen müssen, aktiv und bewusst für die Schule oder für das Studium zu lernen.

Abenddämmerung

Manchmal kommt es dazu, weil der unterrichtete Stoff immer schwieriger wird, manchmal, weil die Jugendlichen aufgrund von Krankheit, Schuleschwänzen oder sonstigen Gründen einige Zeit in der Schule versäumt haben und dann die in dieser Zeit behandelten Gebiete eigenständig aufholen müssen.

Müdigkeit beim Lernen

Nun stehen viele von ihnen vor einem grundlegenden Problem: sie wissen nicht, wie sie lernen sollen und haben auch noch keine Strategien erarbeitet, mit Misserfolgen oder Schwierigkeiten beim Lernen zurechtzukommen. Denn bisher war ja alles mühelos schaffbar für sie.

Die Übung im aktiven Lernen fehlt

Im Vergleich zu ihren Klassenkameraden oder Studienkollegen sind also hochbegabte junge Menschen oft im Nachteil, was lernrelevante Persönlichkeitseigenschaften und Wissen über effektive Lernmethoden betrifft.

Denn die meisten Kinder müssen schon in der Volksschule oder spätestens Anfang Gymnasium/Hauptschule aktiv und selbständig für die Schule lernen und beginnen also spätestens mit 10 Jahren, auszuprobieren, welche Arbeits- und Lernmethoden für sie gut passen könnten.

Lernen

Nicht alle finden die für sie passenden Methoden, aber die meisten haben doch zeitlich einen Vorsprung gegenüber Jugendlichen, denen jahrelang in der Schule alles zugeflogen ist und die nichts lernen mussten.

Wenig Erfahrung mit Misserfolgen

Weiters haben Jugendliche, die bisher kaum für die Schule lernen mussten, manchmal auch eine geringe Frustrationstoleranz, weil sie es ja nicht gewohnt sind, Misserfolge im schulischen Bereich zu haben.

Misserfolg

Wenn man bisher mühelos Einser und Zweier bekommen hat, ist es erst einmal umso schwieriger zu verkraften, nun auf einmal doch für die Schule lernen, versäumten Stoff nachholen zu müssen und dafür auch noch eine schlechtere oder vielleicht sogar negative Note zu bekommen.

Gefahr, die Schule abzubrechen

An diesem kritischen Punkt entscheidet sich bei vielen dieser Jugendlichen, ob sie die Schule oder das Studium weitermachen oder ob sie abbrechen.

Disappointment Road

Denn leider brechen auch viele sehr begabte Jugendliche frustriert die Schule oder das Studium ab, wenn sie das Gefühl haben, auf einmal die Anforderungen nicht mehr erfüllen zu können und keine Strategien entwickeln können, damit umzugehen.

Wichtig dafür, ob ein junger Mensch es schafft, dranzubleiben, passende Lernmethoden zu finden und lernrelevante Persönlichkeitseigenschaften zu entwickeln, ist auch hier wieder das Selbstbild, über das du im Artikel „Wie sich dein Selbstbild auf dein Lernverhalten auswirkt“ Genaueres erfährst.

Bin ich begabt oder doch nicht?

Auch für hochbegabte Jugendliche, die auf einmal mit schulischen Misserfolgen konfrontiert sind, ist ein dynamisches Selbstbild sehr wichtig.

Spiegelung

Denn ein statisches Selbstbild mit der Annahme „ich bin intelligent oder eben nicht“ kann durch Rückschläge sehr erschüttert werden und damit schlagartig der Glaubenssatz „ich bin sehr intelligent“ in „eigentlich bin ich doch dumm“ kippen, was natürlich katastrophal für das Selbstbewusstsein des Jugendlichen ist.

Was kann man tun, um das Selbstbild zu stärken?

Einerseits ist es wichtig, sich bewusst zu machen, dass Prüfungsergebnisse eben nicht die Macht haben, ein für alle mal zu bestimmen, ob man intelligent ist oder nicht.

Stattdessen hängen die eigenen Fähigkeiten in allen Bereichen stark davon ab, wie viel man sich mit der jeweiligen Sache beschäftigt, wie man lernt und was man schon darüber weiß – wer das weiß, hat ein dynamisches Selbstbild, das wesentlich günstiger für das Selbstbewusstsein und für Erfolge ist.

Lernen

Mehr dazu findest du auch in den Artikeln über die Bedeutung des Vorwissens für das Lernen und darüber, dass Lernen oft in Stufenprozessen abläuft.

Mehrere Säulen des Selbstbildes geben Stabilität

Vorbeugend ist es außerdem wichtig, das eigene Selbstbild, egal ob hochbegabt oder nicht, schon von Kindheit an auf mehreren Säulen aufzubauen (und die eigenen Kinder darin zu bestärken), sich also nicht nur über schulische Leistungen zu definieren .

Säulen

Diese Säulen können z.B. sein: ein guter Freund zu sein, sozial zu sein, kreativ zu sein, ein Musikinstrument zu lernen, einen Sport zu trainieren, einen Draht zu Tieren zu haben usw.

Wichtig ist, dass es etwas außerhalb  und unabhängig von der Schule ist, das auch dann noch Stabilität geben kann, wenn vielleicht diese Säule „schulische Leistungen“ irgendwann wackelt oder ganz wegbricht – oder wenn sich der Jugendliche in der Schulklasse nicht wohlfühlt, sich von den Lehrern ungerecht behandelt fühlt oder in der Klasse ein Außenseiter ist.

don't worry

Dann stützen diese anderen Säulen das eigene Selbstbild, sodass es immer noch einigermaßen stabil steht und psychische Ressourcen übrig bleiben, um die Schule zu schaffen – oder auch, um gemeinsam mit Freunden oder den Eltern zu überlegen, welche Alternativen (Schulwechsel, Abendschule, andere Ausbildung,…) gut für einen passen könnten.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Hochbegabung, Jugendliche, Lernen abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.