Wie sich dein Selbstbild auf dein Lernverhalten auswirkt

Hast du Angst, dass Misserfolge dir für alle Zeiten beweisen, dass du ein Versager bist?

Sabotierst du dich oft selbst, indem du erst auf den letzten Drücker oder gar nicht lernst oder vor einer wichtigen Prüfung Computer spielst, auf eine Party gehst oder kaum schläfst – damit du eine Ausrede hast, falls du eine schlechte Note bekommst?

Selbstbild

Dann ist vielleicht interessant für dich, was die Psychologin Carol Dweck herausgefunden hat und in ihrem Buch „Selbstbild – Wie unser Denken Erfolge oder Niederlagen bewirkt“ beschreibt:

Klar, es gibt Talente, manchen liegt etwas mehr, anderen weniger und nicht jeder ist in allem gleich talentiert. Manche sind sportlich talentierter, manche mathematisch, manche sprachlich oder musikalisch usw.

Wer erbringt Spitzenleistungen?

Aber, was glaubst du, wer sind die Leute, die es ganz weit bringen? Die Spitzensportler, Spitzenmusiker, Spitzenforscher werden?

Sind das immer die Leute, die von Anfang an das größte Talent mitgebracht haben?

Top 10

Nein, die Forschung hat ergeben, dass das keineswegs immer so ist. Dafür gibt es auch viele Beispiele:

  • Die erfolgreichsten Musiker sind nicht immer die mit dem größten Gesangstalent.
  • Eines der besten Statistikbücher, das ich kenne, wurde von einem Professor geschrieben, der von sich selbst angibt, früher auch Probleme damit gehabt zu haben, Statistik zu verstehen.
  • … (Überlege: wen kennst du, der es trotz anfangs nur durchschnittlichem Talent zu tollen Leistungen in einem Bereich gebracht hat? Hast du das selbst schon erlebt?)

Ist Talent dann völlig egal für Spitzenleistungen?

Nein, denn ein Mindestmaß an Talent in einem bestimmten Bereich ist erforderlich, um Spitzenleistungen zu erbringen.

Und es ist auch sinnvoll, sich viel mit den Bereichen zu beschäftigen, in denen die eigenen Stärken liegen und die einem Spaß machen.

Aber viel wichtiger als Talent ist die richtige Einstellung, das richtige Selbstbild.

Statisches Selbstbild: Gescheit sein oder nicht, das ist hier die Frage

Menschen mit einem statischen Selbstbild gehen davon aus, dass man in etwas begabt ist oder nicht und dass Prüfungen und Wettbewerbe dazu da seien, die „Winner“ von den „Losern“ zu unterscheiden.

Sie glauben, dass man in einem bestimmten Bereich entweder begabt sei oder eben nicht und dass das sehr unveränderlich sei.

Falle 1: Ich hab eh kein Talent, ich brauch es gar nicht mehr versuchen?

Diese Menschen halten sich in einem bestimmten Bereich dann meist entweder für sehr talentiert oder für untalentiert.

Halten sie sich für unbegabt, dann strengen sie sich gar nicht an, weil sie meinen, sowieso keine Chance zu haben.

So bleibt ihr negatives statisches Selbstbild zementiert: „Ich bin eben schlecht in Mathe, da hilft nichts, da brauch ich mich gar nicht anstrengen“.

Ratlosigkeit

Falle 2: Wenn ich lerne, beweise ich, dass ich eigentlich gar nicht so gescheit bin?

Denken Menschen mit einem statischen Selbstbild hingegen, dass ihnen ein bestimmter Bereich sehr liegt, strengen sie sich aber trotzdem nicht an, weil das für ihr Selbstbild zu gefährlich sein könnte.

Denn würden sie lernen und dann trotzdem ein schlechtes Ergebnis bekommen, dann hätten sie damit bewiesen, dass sie in diesem Bereich doch nicht so talentiert seien.

Kommen sie ohne Lernen zu einem guten Ergebnis, so ist ihr Talent damit bewiesen, zumindest für dieses Mal, bis zur nächsten Leistungsfeststellung.

Müdigkeit beim Lernen 2

Fallen sie aber durch, können sie das damit rechtfertigen, nichts gelernt (und vielleicht auch kaum geschlafen und am Vorabend gefeiert) zu haben und ihr Selbstbild als begabter Mensch erleidet somit kaum Schaden.

Selbstsabotage beim Lernen

Solche Menschen neigen deshalb oft dazu, sich selbst zu sabotieren und die Lernbedingungen möglichst schwierig zu gestalten, um eine plausible und selbstwertschonende Ausrede zu haben, wenn es nicht klappt.

Wenn möglich, neigen sie außerdem dazu, es zu vermeiden, sich Herausforderungen, Wettbewerben oder Leistungsüberprüfungen zu stellen.

Dynamisches Selbstbild – Übung macht den Meister

Viel sinnvoller ist es also, ein dynamisches Selbstbild zu haben. Menschen mit einem dynamischen Selbstbild gehen davon aus, dass ihre Fähigkeit in fast allen Bereichen sehr stark veränderlich ist und hauptsächlich davon abhängt, wie viel sie sich schon mit dem jeweiligen Thema befasst haben.

Klavierunterricht

Damit haben sie Recht: aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, dass im Durchschnitt 10.000 Stunden Beschäftigung mit einem Thema erforderlich sind, um es darin zur Meisterschaft zu bringen.

Diese Menschen haben auch gar kein Problem damit, sich anzustrengen und immer weiter zu üben, weil Misserfolge und Rückschläge für sie nicht bedrohlich sind.

Sie sehen Leistungsüberprüfungen und Wettbewerbe als Messlatte für ihre momentane Kompetenz, die sie aber als veränderlich betrachten.

Segelboote

Gute Erfolge spornen sie an, noch besser zu werden, schlechte Leistungen sind für sie ein Hinweis darauf, mehr oder anders lernen oder üben zu müssen.

Sie beziehen die Ergebnisse ihrer Leistungen nicht auf ihren eigenen Selbstwert, ihnen ist klar, dass ihr Wert als Mensch unabhängig von ihre Leistung ist – und ihre Leistung ein veränderbarer Wert ist, der in ihrer eigenen Hand liegt.

Es zahlt sich also aus, über das eigene Selbstbild nachzudenken und sich bewusst zu machen, dass Talent zwar auch eine Bedeutung hat, aber Anstrengung und Übung noch viel wichtiger sind.

Mit durchschnittlichem Talent, aber viel Motivation und Übung, wirst du in vielen Bereichen hochtalentierte Kollegen, die aber meinen, deshalb nicht viel üben zu müssen, überholen.

Und falls es trotz Übung mal nicht weitergeht und du das Gefühl hast, stillzustehen, mach dir bewusst, dass Plateaus zum Lernen dazu gehören.

Wenn du mehr darüber wissen willst, empfehle ich dir meinen Artikel „Durchhalten oder Aufgeben – Der längere Atem“

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